
Mängelexemplar - das ist Karo Herrmann, 27 Jahre alt, arbeitslos, Freund-los und ganz und gar nicht kopflos. Denn genau letzterer, der Kopf, ist Karos Problem.
Karo hat Angst. Nachdem sie ihren geliebten Job bei einer Medienagentur verloren hat, in anfangs beflügelnder Motivation eines „Neuanfangs” ihre Freundschaften neugeordnet und einen großen Teil davon auf den Müll geschmissen hat und sich zu guter Letzt auch noch von ihrem ungeliebten Freund Philipp getrennt hat, fällt sie in ein tiefes Loch. Sie bekommt plötzlich unbegründet Angst. Und zwar so starke Angst, dass sie das Gefühl hat sterben zu müssen. Karo kann nicht mehr alleine wohnen, nicht mehr alleine schlafen - sie kann nichts mehr, was zu einem erwachsenen, freien Leben gehört.
Über ein Jahr hinweg begleitet der Leser Karo auf dem Weg der Genesung, sie besucht Psychotherapeut und Psychiater, nimmt Antidepressiva und versucht ihr Leben wieder auf die Reihe zu kriegen. Sie akzeptiert endlich ihre Trennung, weil sie mehr und mehr merkt, dass dieser Philipp tatsächlich jenes Arschloch ist, für das ihre Gefühle ihn schon lange halten. Das macht ihr auch ihr bester Freund Nelson, in den man sich als Leser/in sofort verlieben möchte, klar. Nelson sieht in meinem Kopf aus wie Ralph Caspers - obwohl er vollkommen anders beschrieben wird - und ist Moderator bei einem dieser Verkaufssender. Vor allem aber ist Nelson unglaublich verständnisvoll, lustig und einfach ein „perfect match”, natürlich nur als bester Freund, denn er ist mit der ebenso bezaubernden Katrin verheiratet, über die man leider nicht mehr erfährt, als das eben erwähnte.
Weitere wichtige Personen auf Karos Weg sind ihre Therapeutin Annette, ihre Mutter und ihr Übergangsmann David. Die Mutter hat selbst eine depressive Vergangenheit, David ebenso - mit dem könnte Karo jeden Morgen Pillen essen, wenn er nur wollte. Also bleibt er nur der „Übergangsmann”. Klingt erstmal negativ, ist es aber gar nicht wirklich, denn danach wendet sich doch noch alles zum Guten und auch wieder zum Schlechten, wie die Realität eben so ist, so, wie es sein sollte. Aber das müsst ihr dann schon selbst lesen.
Wunderbar einfühlsam zeichnet Sarah Kuttner das Bild einer jungen Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben steht, glaubt, oder besser fühlt alles unter Kontrolle zu haben und stark zu sein; das Bild einer jungen Frau, der plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen wird, weil sie eben gar nichts mehr unter Kontrolle hat. Sehr sensibel beschreibt die Autorin die Symptome dieser Panikattacken und Karos völlig überforderte Reaktion darauf - wie es sich eben anfühlt, wenn man plötzlich nicht mehr weiß, was im eigenen Körper, bzw. Kopf vor sich geht. Trotz allem bewahrt sich Sarah Kuttner ihre, manchmal etwas derbe, witzgeladene Sprache, voller Neologismen, Phantasie und Jugendlichkeit. Durch diese Sprache wird Karo eine von uns, es wird ausgedrückt, wie sich jemand mit seiner Krankheit konfrontiert sieht, ohne sich je zuvor damit beschäftigt zu haben, ohne zu wissen, was mit ihm los ist, jemand, der absolut naiv und unwissend drauf los plappert - das Ganze erst nur als Abenteuer sieht, bis er merkt, dass dieses Abenteuer kein Ende hat, es keinen Weg zurück in die „alte Realität” gibt.
Fast jeder zehnte Jugendliche sieht sich heutzutage ebenso unvorbereitet mit solchen Veränderungen der eigenen Persönlichkeit konfrontiert - nur die wenigsten von ihnen wissen, dass es dem Schulkameraden, Kommilitonen oder Arbeitskollegen genauso geht. Dieses Buch stellt sich der Thematik erstmals aus der Sicht der Jugendlichen selbst, arbeitet sie in ihrer Sprache auf, ohne kryptische Verfremdungen á la Christa Wolf zu gebrauchen, um dem Leser doch noch den Ausweg zu gestatten Zweifel an der Wahrhaftigkeit des Geschriebenen zu hegen. Es werden Personen über Personen aufgedeckt, die das gleiche Problem haben wie Karo - selbst erwachsene Menschen, die doch eigentlich noch fester im Leben stehen sollten. So, wie es eben in Wirklichkeit auch wäre, wenn nur jemand mal danach fragen würde und es leichter wäre darüber zu sprechen. Vielleicht bedeutet dieses Buch für viele Menschen einen Anstoß - einen Anstoß dazu offener mit ihrer Krankheit umzugehen für die einen, einen Anstoß diese Krankheit endlich ernst zu nehmen, Verständnis zu zeigen und danach zu fragen für die anderen. Das ist zumindest was ich mir wünsche - für dieses wunderbare Buch.
“Aber so einfach funktioniere ich nicht. Ich traue weder dem Glück noch mir selbst über den Weg. Das läuft mir alles zu glatt, sowas bin ich nicht gewöhnt. Ich bin recht sicher, dass ich bald alles kaputtmachen werde.” (S. 224)
Sarah Kuttner - Mängelexemplar
ISBN 978-3-10-042205-7
s.fischer, 2009



